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"Wir sitzen auf glühenden Kohlen"

27. März 2020

Vorzeitiges Saisonende wäre für Teams aus dem Jerichower Land Chance und Strafe zugleich

Die Mehrheit spricht sich für den klaren Schlussstrich aus: Bei der aktuellen FuPa-Umfrage zum ungewissen Ausgang der Fußballsaison in Sachsen-Anhalt befürworten die meisten Nutzer die komplette Annullierung der Spielzeit 2019/2020. Doch wie sähen die Auswirkungen für die Teams aus? Wir haben uns im Jerichower Land umgehört.

Nachdem der Fußballverband Sachsen-Anhalt (FSA) in der vergangenen Woche die Aussetzung des Spielbetriebs aufgrund der Corona-Krise auf den 19. April ausgeweitet hat, bleibt die Frage nach dem „Wie geht‘s weiter“ immer noch akut. Je mehr Spieltage der Absage zum Opfer fallen, desto unwahrscheinlicher dürfte die Option werden, die Spielzeit nach einer entsprechenden Verlängerung doch noch durch zu bekommen. Zwar glauben unter 1500 Nutzern auf unserem Amateur-Fußballportal FuPa immer noch 424 an das Szenario, dass auf absehbare Zeit wieder Normalität einkehrt, doch auch mit Blick auf die immer länger werdende Trainingspause wirkt diese Hoffnung einigermaßen kühn.

Bleibt also nur der harte Schnitt, sprich das vorzeitige Saisonende. Wenig Anklang finden dabei unter den FuPa-Nutzern die Varianten, wonach eine mögliche Relegation über Auf- und Abstiege entscheiden soll (120), beziehungsweise zur neuen Spielzeit die Ligen um die jeweiligen Aufsteiger aufgestockt werden und es keine Absteiger gibt (215). Ähnlich sieht es mit Blick auf die radikalere Variante aus, wonach die gegenwärtigen Tabellenstände berücksichtigt werden (247). Dagegen sprechen sich rund 35 Prozent innerhalb der FuPa-Community dafür aus, die aktuelle Spielzeit vollständig aus den Geschichtsbüchern zu streichen (552). Ein Blick auf den Spielbetrieb im Landesmaßstab verdeutlicht: Die Annullierung würde aus Sicht der Teams im Jerichower Land Chance und Strafe zugleich bedeuten.

Mit Blick auf die nüchternen Zahlen scheint dabei derzeit der Burger BC 08 am meisten zu verlieren zu haben. Mit zehn Zählern Vorsprung und einem Nachholspiel in der Hinterhand führt der Weg über den Staffelsieg in der Landesklasse 2 zehn Spieltage vor dem Serienende derzeit nur über den Club aus der Kreisstadt, der sich im bisherigen Saisonverlauf aber noch mit Aufstiegsbekenntnissen zurückgehalten hat.

„Jeder im Verein mag dazu eine andere Meinung haben, aber wenn nun alle Ergebnisse gestrichen werden sollten, ist es nunmal so. Es bleibt Amateurfußball, wir üben unser Hobby aus und da hängt bei weitem nicht so viel dran wie bei den Profis“, erklärt Trainer Michael Hucke, der zugleich bekennt: „Ich tue mich schwer. Wir können im Moment alle nicht in die Glaskugel schauen. Soll die Sommerpause wegfallen? Schröpft man zur neuen Saison den Pokalwettbewerb zusammen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir auf absehbare Zeit wieder in die aktuelle Saison zurückkehren. Eine Verlängerung der Spielzeit würde auch die Rahmenbedingen wie etwa Wechselfristen betreffen.“

Erfolg nicht an den Aufstieg geknüpft

Außenstehende mag es überraschen, doch bereits vor Saisonbeginn hatte man beim BBC 08 klar gemacht, dass das eigene Glück nicht an die sofortige Wiederkehr in die Landesliga geknüpft ist. „Für uns wäre die Saison daher sicher nicht für die Katz. Wir haben immer gesagt: Wir wollen die Zeit nutzen, um voneinander zu lernen – Jung von Alt und umgekehrt. Natürlich wäre es dennoch schade für die Mannschaft, wenn sie nicht nun mit einem Titel belohnen könnte.“ Schließlich sind die Burger auch noch heißer Anwärter auf den Kreispokal, über dessen Fortgang ebenfalls noch zu entscheiden ist.


Der Burger BC zieht in der laufenden Spielzeit in der Landesklasse 2 einsam seine Kreise. Foto: Karl Heinz Schmuck

Zehn Autominuten vom BBC 08-Parkstadion entfernt, könnte mit der SG Blau-Weiß Niegripp einer der größten Profiteure einer Streichung aller bislang gespielten Matches zu finden sein. Für das Schlusslicht der Landesliga Nord käme dies nach einer von Widrigkeiten geprägten Spielzeit einer zweiten Chance gleich, die man am Alten Kanal auch nutzen würde. „Wir würden die Herausforderung für die kommende Saison annehmen, müssen aber abwarten, wer zur Verfügung steht. Denn im Grunde sind wir auch bislang konkurrenzfähig, hatten aber Pech mit Verletzungen und Abgängen, die nicht geplant waren“, so Spielertrainer Marcus Schlüter, für den allein aus logistischer Sicht eine Fortsetzung der angefangenen Spielzeit nicht realisierbar wäre: „Wir hätten beispielsweise aktuell noch 14 Spiele offen. Diese nachzuholen, kann man vergessen. Das Privatleben wäre quasi nicht mehr existent.“

Eine andere Tatsache, die in der Debatte häufig vernachlässigt wird, ist die unterschiedlichen Anzahl absolvierter Partien unter den einzelnen Clubs. Auch wenn man den Entscheidern beim FSA so viel Weitsicht unterstellen mag, bleiben die gegenwärtige Tabellen in den einzelnen Ligen ein Zerrbild. „Wer will oder soll angesichts der unterschiedlichen Zahl der Spiele festlegen, ob dieses oder jenes Team nicht doch noch drei Punkte erspielt hätte?“, fragt Schlüter nicht zu Unrecht.

Weiterhin lenkt Niegripps Spielertrainer den Blick auf das große Ganze, das durch die aktuelle Entwicklung gehörig infrage gestellt wird. „In vielen Vereinen fließt Geld. Aber die Unternehmen werden auf absehbare Zeit andere Sorgen haben, als ihre Reserven in den Fußball zu pumpen.“ Und auch wenn man bei der SG Blau-Weiß immer wieder offen betont, ohne finanzielle Anreize auszukommen, „wage ich zu bezweifeln, dass das Ganze positive Auswirkungen für uns haben wird“.

In einer ähnlichen Lage befindet man sich auch beim SV Lok Jerichow. Als „krassester Außenseiter aller Zeiten“ zu Saisonbeginn ins Rennen der Landesklasse 1 gegangen, würde der Tabellenvorletzte von einer Annullierung profitieren. „Ich sehe keine andere Option. Eine einheitliche Regel muss her und es darf nicht von Liga zu Liga unterschiedlich geurteilt werden. Bei zehn ausstehenden Spielen und dem anvisierten Saisonende im Juli wären Nachholspiele nur mit englischen Wochen aufzufangen. Das wäre allein von den Entfernungen her unter der Woche nicht realisierbar, da wir alle aus Lust und Liebe am Fußball auf dem Platz stehen und berufstätig sind“, erklärt Vereinschef und Trainer Sven Lange.

Viel Platz räumt man bei den Eisenbahnern den Sorgen um einen möglichen Fortgang oder Schlussstrich unter der Saison aber derzeit ohnehin nicht ein. „Sportlich, menschlich, wirschaftlich – wir sitzen momentan in jedweder Hinsicht auf glühenden Kohlen. Ich mache mir persönlich eher Sorgen darum, dass das öffentliche Leben durcheinander geworfen werden könnte. Über den Fußball eine Entscheidung zu treffen, ist momentan nicht wichtig und auch nicht unsere Aufgabe.“


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